Bayerischer Wald-Verein Sektion Lindberg-Falkenstein
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30 Jahre Fall des EISERNEN VORHANGS - Feier in Bayerisch-Eisenstein

Am 9.11.2019 jährte sich die Grenzöffnung am Bahnhof Bayerisch Eisenstein zum 30.ten mal. Der Bahnhof Bayerisch-Eisenstein war im Gebäude durch den Eisernen Vorhang getrennt. Eine Menschenkette feierte damals den Fall des Grenzzaunes zwischen Ost- und West. Zum diesjährigen Jubiläum trafen sich Deutsche und Tschechen um wieder zu feiern. Ein Videoflim von Norbert Schreiber.

Als die Grenze noch geschlossen war:      Flüchtlingsschicksale

 

Norbert Schreiber
(*1949)

Ein Stück Stacheldraht


Zehn Zentimeter Stacheldraht liegt hinter Glas in meiner Wohnzimmervitrine und ab und zu nehme ich dieses Stück des Eisernen Vorhanges vorsichtig in die Hand, manchmal ungläubig, daß es überflüssig geworden ist. Ich bin keineswegs ein Sammler, ich sehne mich auch nicht nostalgisch zurück in die Zeiten, als Ost und West voneinander getrennt wechselseitig behaupteten der eine sei Böser als der Andere. Vergangene Zeiten...ich trauere ihnen nicht nach, denn dort wo einst die Grenzlandförderung ihre Benachteiligten suchte, ist das Europa ohne Grenzen wahr geworden. Vielleicht bewahre ich das Stück Stacheldraht deshalb auf, weil so schnell vergessen wird, was einst war. Die alten Zeiten waren nicht die Besseren.
Man konnte stundenlang am Grenzübergang Bayerisch-Eisenstein bestbewacht von menschlichen wie elektronischen Augen warten bis Zöllner die Einreise gewährten. Kalter Krieg im kalten Schnee von kalten Menschen gespielt. Eine Landschaft zerteilt, ein Menschenschlag getrennt, ein Todesstreifen organisiert, als wäre er für die Ewigkeit gebaut. Und der Bahnhof Bayerisch-Eisenstein war geschichtlich immerhin so wichtig, daß sich Kapitalismus und Kommunismus ihn teilten. Heute stehen dort manchmal noch nicht einmal mehr Zöllner, um den kleinen Grenzverkehr zwischen Bayern und Tschechien zu kontrollieren, der Verkehr fließt, die Menschen begegnen sich, Zusammenarbeit nimmt Gestalt an zwischen Bayern und Böhmen, zwischen Deutschen und Tschechen.

„Javor, Javor“ schreien mir zwei junge Leute am 3. Februar 1990 entgegen. Das neu gegründete Bürgerforum in Tschechien hat eine Menschenkette organisiert, über drei Kilometer ist sie lang und über 50 000 Menschen haben sich daran beteiligt. Erprobung der Grenzöffnung. 

Was heisst bloss „Javor“? Mit Händen und Füssen machen die beiden Tschechen mir klar, sie wollten auf den Arber, auf den Gipfel, den sie so oft in Unfreiheit vom Osten aus gesehen hatten, aber nie dort hin konnten. In diesem Augenblick habe ich begriffen, was Unfreiheit heißt. Wir fahren die jungen Leute auf den Berg, geben ihnen etwas Geld und bekommen dafür als Gegenleistung den ersten Tschechischkurs. „Javor“ ist der höchste Berg des Bayerischen Waldes: Der Arber. „Ahoj“heißt „Hallo“ oder „Tschüss“ und „Pivo“ nennt der Tscheche das Bier. 

Tut mir leid, Milena, daß Du immer noch besser Deutsch sprichst, nahezu perfekt, und mein Tschechisch schweijksche Züge hat. Jan und Milena sind inzwischen unsere tschechischen Freunde, mit denen wir uns regelmässig treffen. Denn im Mai 1990 haben Helmut Kohl und Vaclaf Klaus den Grenzzaun niedergerissen. 

So ist nun Freundschaft über den Zaun ohne Zaun möglich geworden. Nie hätte ich erfahren, welche wunderbare Landschaft auf der tschechischen Seite als „Böhmerwald“ seit Jahrhunderten die Menschen fasziniert, ich hätte das Paddeln auf der Moldau, das erradeln der Berge, das Wandern und Langlaufen nur als westlich-bayerisches Erlebnis kennengelernt. 

Jetzt bin ich Pfälzer, Bayer und Tscheche. 

Und hätte ich nicht Milena kennengelernt wüsste ich nicht von einem der ersten gemeinschaftlichen Kontakte zum Wiederaufbau einer Kapelle. Oster-Sonntag den 11. April 1993: Milena besucht den Kreuzweg der St. Anna-Kapelle. Die Granitsäulen sind die letzten Zeugen des Glaubens. Zerstört. Im Kommunismus in Vergessenheit geraten. Ihr Entschluss steht fest: Kreuzweg und Kapelle müssen wieder neu entstehen! Milena begibt sich auf die Suche nach alten Bildern. Wo sind Vorbilder? In Taus, Engelshütt, Moosbach, Schweinhütt, Greising.
Der Kreuzweg in Greising passt als Vorlage am besten. Er stammt aus der Zeit um 1815 – von der Wittmann-Schule. 

Im Museum in Deggendorf findet sie die Originalbilder des Kreuzweges von Johan Georg Wittmann. Bald ist die Baugenehmigung da, aber es gibt kein Geld. Im nächsten Jahr 1993 geht es an das Ausrichten der Säulen in die Senkrechte. Die Familie WEST, die Huttners und die Familie OST, die Vobrs sind tatkräftig dabei. Der Erdhügel, wo einst die Kapelle stand, wird mühsam abgetragen. Nach mehrtäglicher Arbeit ist die Freude gross. Die Bodenfliesen sind sichtbar.

Die Kreuze, vom Schmied gefertigt, können nun aufgerichtet werden. Sie sind fertig. Am 18.Juli 1994 ist endlich die Grundsteinlegung für die Kapelle.
Mitte Mai 1995 – ein grosses Ereignis: das Dach ist mit Schindeln gedeckt und erhält den Glockenturm.

Helga Huttner malt die Heiligenbilder für die Säulen des Kreuzweges.                                 Zugleich werden Steine im Wald für den Sockel gesucht. Da hilft auch die Kegelgruppe aus Zwiesel.Vom Sturm gefällte Bäume werden beiseite geräumt, ebenso seit Jahrzehnten wild nachgewachsene, im Wege stehende Bäume. Am Pfingstsamstag, 3. Juni 1995 kann das Altarbild in die Kapelle eingepasst werden. Jetzt müssen die Fenster verglast werden, dass die Vitrinen, die Helga Huttner in Blei zusammengesetzt hat, geschützt werden. Die Sterne in den Fenstern stellen die Mutter Anna und Maria dar. Am Samstag, den 30.September 1995 werden Kapelle und Kreuzweg geweiht.

Ein kleines bayerisch-tschechisches Kulturprojekt, das keine großen Schlagzeilen in der Weltpresse gemacht hat. Jedesmal wenn ich an dieser frommen Stätte vorbeikomme, muß ich an das wertlose Stück Stacheldraht denken.  

Text aus Europa erlesen BÖHMERWALD Wieser Verlag Klagenfurt

https://www.wieser-verlag.com/reihe/europa-erlesen/

Impressionen aus Tschechien - Fotos Vaclav Chabr

Weihnachtsmarkt in Bayerisch Eisenstein

über d'Grenz fährt über die Grenz: Pilsen und Umgebung

Der Kulturverein Über d’ Grenz veranstaltete eine Kulturfahrt nach Böhmen, um Interessierten Sehenswürdigkeiten abseits der Touristenstraßen zu zeigen. Zunächst ging es in Richtung Pilsen, wo die Kirche in Přeštice, ein Kulturdenkmal, besichtigt wurde. Danach besuchte man die Stadt Plasy und das 1144 erbaute Zisterzienserkloster. Auf dem Rückweg kehrte man im historischen Städtchen Nepomuk, dem Geburtsort des Hl. Nepomuk, ein.

Weihnachtsbrauch in Markt Eisenstein

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