Bayerischer Wald-Verein Sektion Lindberg-Falkenstein
Bayerischer Wald-Verein Sektion Lindberg-Falkenstein

Bayerwald-Geschichte

Der Hochwald - Adalbert Stifter

An der Mitternachtseite des Ländchens Oesterreich zieht ein Wald an die dreißig Meilen lang seinen Dämmerstreifen westwärts, beginnend an den Quellen des Flusses Thaia, und fortstrebend bis zu jenem Gränzknoten, wo das böhmische Land mit Oesterreich und Baiern zusammenstößt. Dort, wie oft die Nadeln bei Kristallbildungen, schoß ein Gewimmel mächtiger Joche und Rücken gegen einander, und schob einen derben Gebirgsstock empor, der nun den drei Landen weithin sein Waldesblau zeigt, und ihnen allerseits wogiges Hügelland und strömende Bäche absendet. Er beugt, wie Seinesgleichen öfter, den Lauf der Bergeslinie ab, und sie geht dann mitternachtwärts viele Tagreisen weiter.

Der Ort dieser Waldesschwenkung nun, vergleichbar einer abgeschiednen Meeresbucht, ist es, in dessen Revieren sich das begab, was wir uns vorgenommen zu erzählen. Vorerst wollen wir es kurz versuchen, die zwei Punkte jener düsterprächtigen Waldesbogen dem geneigten Leser vor die Augen zu führen, wo die Personen dieser Geschichte lebten und handelten, ehe wir ihn zu ihnen selber geleiten. Möchte es uns gelingen, nur zum tausendsten Theile jenes schwermüthig schöne Bild dieser Waldthale wieder zu geben, wie wir es selbst im Herzen tragen, seit der Zeit, als es uns gegönnt war, dort zu wandeln, und einen Theil jenes Doppeltraumes dort zu träumen, den der Himmel jedem Menschen einmal und gewöhnlich vereint gibt, den Traum der Jugend und den der ersten Liebe. Er ist es, der eines Tages aus den tausend Herzen eines hervorhebt, und es als unser Eigenthum für alle Zukunft als einzigstes und schönstes in unsere Seele prägt, und dazu die Fluren, wo es wandelte, als ewig schwebende Gärten in die dunkle warme Zauberfantasie hängt!

Wenn sich der Wanderer von der alten Stadt und dem Schlosse Krumau, dieser grauen Wittwe der verblichenen Rosenberger, westwärts wendet, so wird ihm zwischen unscheinbaren Hügeln bald hier bald da ein Stück Dämmerblau hereinscheinen, Gruß und Zeichen von draußen ziehendem Gebirgslande, bis er endlich nach Ersteigung eines Kammes nicht wieder einen andern vor sich sieht, wie den ganzen Vormittag, sondern mit eins die ganze blaue Wand von Süd nach Norden streichend, einsam und traurig. Sie schneidet einfärbig mit breitem, lothrechtem Bande den Abendhimmel, und schließt ein Thal, aus dem ihn wieder die Wasser der Moldau anglänzen, die er in Krumau verließ; nur sind sie hier noch jugendlicher und näher ihrem Ursprunge. Im Thale, das weit und fruchtbar ist, sind Dörfer herumgestreuet, und mitten unter ihnen steht der kleine Flecken Oberplan. Die Wand ist obgenannter Waldesdamm, wie er eben nordwärts beugt, und daher unser vorzüglichstes Augenmerk. Der eigentliche Punkt aber ist ein See, den sie ungefähr im zweiten Drittel ihrer Höhe trägt.

Dichte Waldbestände der eintönigen Fichte und Föhre führen stundenlang vorerst aus dem Moldauthale empor, dann folgt, dem Seebache sacht entgegensteigend, offenes Land; – aber es ist eine wilde Lagerung zerrissener Gründe, aus nichts bestehend, als tief schwarzer Erde, dem dunklen Todtenbette tausendjähriger Vegetation, worauf viele einzelne Granitkugeln liegen, wie bleiche Schädel von ihrer Unterlage sich abhebend, da sie vom Regen bloßgelegt, gewaschen und rund gerieben sind. – Ferner liegt noch da und dort das weiße Gerippe eines gestürzten Baumes und angeschwemmte Klötze. Der Seebach führt braunes Eisenwasser, aber so klar, daß im Sonnenscheine der weiße Grundsand glitzert, wie lauter röthlich heraufflimmernde Goldkörner. Keine Spur von Menschenhand, jungfräuliches Schweigen.

Ein dichter Anflug junger Fichten nimmt uns nach einer Stunde Wanderung auf, und von dem schwarzen Sammte seines Grundes herausgetreten, steht man an der noch schwärzern See'sfläche.

Ein Gefühl der tiefsten Einsamkeit überkam mich jedesmal unbesieglich, so oft und gern ich zu dem mährchenhaften See hinaufstieg. Ein gespanntes Tuch ohne eine einzige Falte liegt er weich zwischen dem harten Geklippe, gesäumt von einem dichten Fichtenbande, dunkel und ernst, daraus manch einzelner Urstamm den ästelosen Schaft emporstreckt, wie eine einzelne alterthümliche Säule. Gegenüber diesem Waldbande steigt ein Felsentheater lothrecht auf, wie eine graue Mauer, nach jeder Richtung denselben Ernst der Farbe breitend, nur geschnitten durch zarte Streifen grünen Mooses, und sparsam bewachsen von Schwarzföhren, die aber von solcher Höhe so klein herabsehen, wie Rosmarinkräutlein. Auch brechen sie häufig aus Mangel des Grundes los, und stürzen in den See hinab; daher man, über ihn hinschauend, der jenseitigen Wand entlang in gräßlicher Verwirrung die alten ausgebleichten Stämme liegen sieht, in traurigem weiß leuchtendem Verhack die dunklen Wasser säumend. Rechts treibt die Seewand einen mächtigen Granitgiebel empor, Blockenstein geheißen; links schweift sie sich in ein sanftes Dach herum, von hohem Tannenwald bestanden, und mit einem grünen Tuche des feinsten Mooses überhüllet.

Da in diesem Becken buchstäblich nie ein Wind weht, so ruht das Wasser unbeweglich, und der Wald und die grauen Felsen, und der Himmel schauen aus seiner Tiefe heraus, wie aus einem ungeheuern schwarzen Glasspiegel. Ueber ihm steht ein Fleckchen der tiefen, eintönigen Himmelsbläue. Man kann hier Tagelang weilen und sinnen und kein Laut stört die durch das Gemüth sinkenden Gedanken, als etwa der Fall einer Tannenfrucht oder der kurze Schrei eines Geiers.

Oft entstieg mir ein und derselbe Gedanke, wenn ich an diesen Gestaden saß: – als sei es ein unheimlich Naturauge, das mich hier ansehe – tief schwarz – überragt von der Stirne und Braue der Felsen, gesäumt von der Wimper dunkler Tannen – drinn das Wasser regungslos, wie eine versteinerte Thräne.

Die Bayerwald-Dichter: Stifter und Klostermann

Quelle: Norbert Schreiber BÖHMERWALD Reihe Europa erlesen Wieser Verlag Klagenfurt

Dialektformen  

Mundart im Böhmerwald

 

af pepln                        gesund pflegen

af schnoppn                 erzählen hören

Boana                           Knochen

Blodern                        Blasen

bloßfüße                       barfuß

Fatschn                        Binde

Faschirts                       Hackfleisch

Fetzen                          Putztuch

füri                               nach vorne

Gasch                           Brei

Gramln                         Grieben

Gattihosen                    Unterhosen

Grafflwerk                    altes Zeug

Gschromai                    lautes Mundwerk

granti                           übelgelaunt

Goaßpemperl                     Ziegenkot

Guga manka                 Purzelbaum

Hoderlump                   schlechter Mensch

Hätschapätscha             Hagebutten

Haftlmocha                   aufmerksamer Beobachter

Höitschuah                   Holzschuh

Kaleschn                      Kutsche

kampln                         kämmen

Kraxn                           Traggestell

Kredenz                       Küchenschrank

Klachl großer                starker Mensch

Krauterer                      alter Mann

Krischperl                    kleiner schwächlicher Mensch

Kruterer                       Truthahn

kralln                           kriechen

nopfitzen                      kurz einschlafen

patschekln                    Holzspiel mit kleinem Holzschläger

plangig                         begierig sein

Paradeiser                     Tomaten

plärn                             weinen

pritschin                       plantschen

popert                           klebrig

poschn                          schmuggeln

Potschn                        Hausschuh

Rieweisl                       Reibeisen

Rumpl                               Waschbrett

Rozn                            Ratten

Stürzn                          Topfdeckel

Scherzi                         Brotanschnitt

Schaub                         Strohbund

Schmedn                      Rahm

Springgingerl               lebhaftes Kind

Straucha                       Schnupfen

stibitzen                       stehlen

strawanzen                   herumstrolchen

schiagln                        schielen

schliefitzen                   auf Eis rutschen

schlompert                    schlampig

schortert                       Zahnlücken haben

toikert                          unbeholfen

törisch                               verblödet

tätschln                        streicheln

urrasn                           verschwenden

urigln                           kribbeln, i. d. Fingern

umandum                     rundherum

Watschn                       Ohrfeige

wompert                       mit dickem Bauch

woigern                        walken

wischln                        urinieren

Zwiederwurzn              nörgelnde Frau

zaudürr                         sehr schlank

zermotschkert              zerdrückt

 

Gevatter hin, Gevatter her,

der Arsch gehört in die Hosen.

 

Volksweisheit aus Neudorf in Böhmen

Gerold Dvorak Karel Klostermann und Adalbert Stifter – Dichter der Wildnis?

Adalbert Stifter wurde am 23. Oktober 1805 in Oberplan, dem heutigen Horni Plana, geboren. Als er zwölf Jahre alt war, verlor er den Vater, der von einem umstürzenden Wagen erschlagen worden war. Der Großvater mütterlicherseits setzte gegen Adalberts Lehrer, welcher den Jungen für unbegabt hielt, durch, dass Adalbert Stifter 1819 als Schüler im Gymnasium der Benediktiner in Kremsmünster in Oberösterreich

aufgenommen wurde. Der Junge fiel durch sein Zeichentalent auf, schaffte ohne Probleme sämtliche Klassen und die Matura (Reifeprüfung). Anschließend ging er nach Wien, um Naturwissenschaften zu studieren und Professor zu werden. Seinen Lebensunterhalt verdiente er sich als Privatlehrer und Landschaftsmaler. Sozusagen zum Privatvergnügen verfasste er auch Erzählungen - für die Schublade. 1840 wurde die Novelle "Der Condor" von Stifters Freund, dem Verleger Gustav Heckenast, gegen den Willen des Autors veröffentlicht. In dieser Erzählung geht es nicht um den Böhmerwald, sondern einerseits um eine nächtliche Ballonfahrt zweier englischer Wissenschaftler und einer jungen Wienerin und andererseits um deren Liebe zu einem jungen Maler. "Der Condor" kam bei den Lesern sehr gut an. Dieser Erfolg ermutigte Stifter weiter zu schreiben und führte schließlich dazu, dass Stifter die Malerei fast ganz aufgab und statt dessen schrieb. Zunächst veröffentlichte er in verschiedenen Zeitschriften und gab später, wieder mit Heckenast, Erzählungen wie "Abdias", "Brigitta", "Bergkristall", "Der Hochwald" und "Der beschriebene Tännling" in Sammelbänden heraus. Deren Titel "Die Mappe meines Urgroßvaters", "Bunte Steine" und "Studien" sind allesamt noch bekannt. Im Jahre 1849 wurde Stifter, der bisher immer nur Privatlehrer gewesen war, zum Schulrat und Volksschulinspektor für Oberösterreich ernannt, woraufhin er von Wien nach Linz zog. Als Schulrat leistete er viel für den Ausbau des Naturkunde-Unterrichts an den Volksschulen und für das kulturelle Leben in Linz. Dafür wurde er zum kaiserlich-königlichen Hofrat ernannt. 1865 war seine Gesundheit derart angegriffen, dass er in den Ruhestand versetzt wurde - mit vollem Gehalt!! Eine Besserung seines Gesundheitszustandes, die er im böhmischen Bäderdreieck und am Fuße des Dreisessels im Bayerischen Wald, suchte, fand er immer nur vorübergehend. Am 28. Januar 1868 wurde er tot, an einem Schnitt mit dem Rasiermesser verblutet, im Badezimmer aufgefunden. Bis heute ist noch nicht einwandfrei geklärt, ob es Selbstmord oder ein fataler Unfall gewesen ist.

Der Böhmerwald liefert für Stifters Erzählungen den Ort der Handlung, die Kulisse, den äußeren Rahmen, den er mit Maleraugen sieht und möglichst wirklichkeitsgetreu wiedergeben will.

Der Wald war damals - oder schien zumindest so - noch völlig heil und in Ordnung.

Von Gefahren für den Wald, sei's von der Umwelt her oder von den Menschen ausgehend, war den Leuten zu Stifters Zeit noch nichts bewusst. Die handelnden Personen in Stifters Böhmerwaldgeschichten sind keine echten Böhmerwäldler, sondern Verkörperungen von Stifters sittlich, moralischen Lebensidealen, beinahe klassisch, immer nach Goethes Forderung lebend und handelnd: "Edel sei der Mensch, hilfreich und gut". Stifters Hauptverdienst im Sinne des heutigen Themas besteht darin, dass er den Böhmerwald literaturfähig gemacht hat.

Am 13. Februar 1848 - Stifter galt damals schon als erfolgreicher Erzähler

-  wurde Carl, geschrieben mit C, Faustin Klostermann im oberösterreichischen Haag im Innviertel geboren. Sein Vater, der Dr.med. Josef Klostermann, war der jüngste Sohn des kühnischen Freirichters von Rehberg/Srni, die Mutter war die letzte Abele-Enkelin aus der berühmten Glasmeisterdynastie von Hurkenthal/Hürka. Der junge Carl Faustin Klostermann war also fast "reinrassiger" Böhmerwäldler, und er war noch keine ganzen zwei Jahre alt, als der Vater mit der Familie in die geliebte Heimat, in den Böhmerwald, zurückkehren konnte. Dort wuchs der Junge

- je nach den Wirkungsstätten des Vaters - mal im überwiegend deutschsprachigen, mal im tschechischsprachigen Böhmerwald auf. Sprachbegabt wie er war (als Erwachsener beherrschte er zwölf Fremdsprachen), erlernte er schon als Kind sowohl das Deutsche als auch das Tschechische. Als er zehn Jahre alt war, schickte ihn der Vater - nicht zuletzt zur Entlastung des Familienbudgets der inzwischen achtköpfig gewordenen Familie - in den Ferien nach Schlösselwald/Hrädky, das beinahe ausschließlich von Angehörigen der Klostermann-Verwandtschaft bewohnt war. An diesem Leben bei der bäuerlichen Verwandtschaft nahm der junge Klostermann wie eines der Bauernkinder teil und verliebte sich - so muss man es nennen - derart in den Böhmerwald und seine Bewohner, dass er fortan als Gymnasiast, als Student und als Professor für Französisch und Deutsch an der Deutschen Realschule in Pilsen stets den größten Teil seiner Ferien im zentralen Böhmerwald zwischen Bergreichenstein/Kasperske Hory und dem Pürstling am Lusen/Breznik verbrachte. Nach der Matura studierte er in Wien Medizin, als ältester Sohn sollte er nämlich später einmal die väterliche Praxis übernehmen. Nach zehn Semestern brach er aber das Studium ab, die Gründe dafür sind hier unerheblich, und wollte Journalist werden. Doch der Zeitungsverlag, für den er arbeitete, machte nach einem Jahr Pleite - nicht wegen Klostermann - und nach zwei Jahren als Hauslehrer bewarb er sich als Lehrer für Französisch in Pilsen, wurde angenommen und blieb dort bis zu seiner Pensionierung im Jahre 1908. Als Lehrer war Klostermann sehr kümmerlich bezahlt, ein Bankangestellter am Schalter z. B. verdiente das Vierfache. Als er 1884 zufällig seinen ehemaligen Chef aus der Wiener Zeit als Redakteur der deutschsprachigen Prager Zeitung "Politik" traf und dieser Klostermann aufforderte, ihm ein paar Beiträge fürs Feuilleton zu liefern, fing Klostermann an, zur Aufbesserung seiner Finanzen für die "Politik" zu schreiben. Nach ein paar Einzeltexten begann er mit einer Serie von 33 Folgen unter dem Sammeltitel "Heiteres und Trauriges aus dem Böhmerwalde". Was er später im Vorwort zur ersten Auflage des Familienromans "Kam speji deti" ("Was aus den Kindern wird") als sein Anliegen formulierte, gilt auch schon für seine Feuilletons, daher zitiere ich die entscheidenden Sätze bereits hier: "Ich beschreibe das Herzstück des Böhmerwaldes, dessen Natur und den harten Kampf, den der Mensch bestehen muss, welchen das Schicksal in diese Region hinein verpflanzt hat. Und dieser Mensch ist seiner Abstammung nach Deutscher, an dieser Tatsache ändere weder ich noch jemand anderer etwas. Ich selbst,  liebe jene Menschen, jene Leute, von denen ich abstamme, und schildere Dir, lieber Leser, diesen Menschen als Deinen Bruder." Klostermanns "Geschichten aus dem Böhmerwalde" kamen bei den Lesern der "Politik" sehr gut an, so dass er sich entschloss, die erste Hälfte der 33 Folgen als Buch herauszubringen, unter seinem richtigen Namen, mit dem Titel "Böhmerwaldskizzen". … Den Zeitungslesern hatten solche Geschichten gefallen, aber sie waren nicht nach dem Geschmack der Bücherleser. Diese maßen Klostermann nämlich an Stifter, und Klostermanns wahrheitsgetreu geschilderter Böhmerwald war kein heiliger Hain, in dem das "Sanfte Gesetz" waltete. Klostermanns Handlungsträger waren Menschen von Fleisch und Blut mit allen Schwächen und Fehlern, aber nicht Stifters Idealfiguren, und Klostermann ließ diese Menschen sprechen, wie ihnen der Schnabel gewachsen war, während bei Stifter auch der letzte Holzknecht ein vorbildliches Deutsch spricht. ...

Klostermann blieb seiner Auffassung treu und trat stets unbeirrt für ein friedliches Zusammenleben von Tschechen und Deutschen ein. Weil diese Einstellung auch heute noch hochaktuell und - wie ich glaube - die einzig richtige ist, wenn wir als Nachbarn in einem Vereinten Europa miteinander auskommen wollen, will ich mit einem Text schließen, den ich als "Klostermanns Glaubensbekenntnis" bezeichnen möchte: " … Ich sehe nicht ein, warum man nur dann gut deutsch sein und sein deutsches Stammvolk lieben könnte, wenn man zugleich seinen slawischen Nachbarn hasst und verdächtigt, seinen Nachbarn, mit dem uns eine tausendjährige Geschichte, Bande des Blutes, gemeinsame Interessen, dieselben Begriffe von Recht und Ehre, kurz, alles verbindet, was den Begriff "Heimat" ausmacht.

 

Hans Watzlik

Liebe Landsleute!

Unser Böhmerwald ist ein wunderschönes, tiefgrünes Land voller Berge und Bäume und Bäche und gottesnaher Einsamkeit. Er birgt aber noch einen anderen unendlichen Reichtum, und das sind seine uralten Bräuche und frommen Legenden, seine übermütigen Schwänke und lieblichen Märchen und finsteren Sagen. Besonders die Sage ist es, die unklare Kunde außerwirklicher, wunderbarer Begebenheiten, die um Wald und Wasser und Moor, um Berg und Burg, um Gotteshaus und Bauernhütte, um vergangene Zeiten und Menschen tiefsinnig ihre dunkeln und goldnen Fäden spinnt und mit ihren seltsamen Geschöpfen heimlich unsere Heimat bevölkert und sie uns näher ans Herz bringt. Da lauert am Weiher der Wassermann im grünen Rock, da röhrt der Viehschelm und scheucht die Kühe und weissagt Brand, da klettern staubige Geister übers Mühlrad, der Bandelkrämer lockt mit bunten Bändern die Kinder in die Flut, die Melusine weint im Wind, der Teufel selber hinkt durch den Wald; und allerlei schreckhafte und launische Wesen treiben da ihren Spuck: das Nachtkrallei, das Haarstubenwaberl, die Augstalt, die Luzie, die Moosgeiß, der Hehmann, der Saurüsselmann, – wer kennt es völlig, dieses Volk der Gespensterlein und Ungetüme, der gutmütigen und übelgewillten, der schalkischen und furchtbaren, die seit altersher bei uns gehaust haben neben Raben und Bären und wohl noch da und dort hausen!

Mit diesem Büchlein statte ich dankbar und ehrfürchtig der. Heimat zurück, was sie mir geschenkt hat. Ich habe diese treuherzigen Dichtungen zumeist aus dem Munde unseres Volkes gehört und gebe sie dem Volke in unserer waldschlichten Sprache wieder, dass sie weitergereicht werden sollen von der Ahnin dem Enkel und geraunt werden in den Spinnstuben wie vorzeiten, in den Rauhächten, wenn der Tannenforst draußen schaudert oder die wilde Jagd übers Gebirg fährt.

Diese Sagen sind eine köstliche Blüte unserer Heimatkunst, andere Volksstämme beneiden uns darum. Leset sie öfters und erzählt sie dann anderen aus euch selbst heraus in eurer Art!

Wohl sind die Sagen nur erdichtet und niemals ist das Leben so, wie sie es darstellen, aber dennoch sind sie keine Lügen, sondern in ihnen lebt verschleiert tiefe Wahrheit und ihre wunderseltsamen Begebnisse führen uns weit hinein in die Rätsel der Natur und in verschollene Götterzeit und zurück bis zur Schöpfung unseres Gebirges.

Lassen wir diesen alten Reichtum nicht verderben!

Am Osser zu den Rauhnächten 1920

Hans Watzlik

Landschaftsmalerei im Schloß Buchenau

Ein Trompeter-Talent: Xaver Stoiber

 
Xaver Stoiber war ein musikalisches Urviech, und die von ihm ins Leben gerufene Volksmusikgruppe "Stoiber Buam" war weithin bekannt und beliebt. Die Musiksendungen des Bayerischen Rundfunks kamen ohne die "Bayerwädler" aus Ludwigsthal nicht aus und der BR machte oft Halt in unserer Region, um heimatliche Klänge über den Münchner Sender ertönen zu lassen. 
Jetzt jährt sich der 40. Todestag des verstorbenen Trompeter-Talents. Xaver Stoiber konnte als Mitglied des Schützenvereins mit den Fingern an Waffen genauso zielvoll umgehen wie mit seiner Trompete. 
 
Er war der Sohn eines Instrumentenbauers, der von Haus aus jedoch eigentlich Schmied war. Zunächst bestand das Duo der Stoiber Buam aus Xaver Stoiber und seinem älteren Bruder Fritz Stoiber, der fürs Harmonika-Spiel zuständig war und bekannte Kompositionen hinterließ. Später stießen zum Duo noch die Kinder von Xaver Stoiber – Franz, Heinz und Lieselotte Stoiber - dazu. Die erfolgreichen Musiker hatten ein vielfältiges Volksmusik-Repertoire, zu dem auch Eigenkompositionen gehörten, zum Beispiel der "Kötztinger Pfingstritt-Marsch" und die Polka "Spaziergang an der Deffernik". Die "Stoiber Buam" prägten einen eigenen, nicht leicht nachzuspielenden und unverwechselbaren Musikstil. 
1976 startete sogar eine umfangreiche Tournee auf Einladung eines Ölkonzerns nach Kanada. Die "Stoiber Buam" waren drei Monate auf Tour. Xaver Stoiber starb im Alter von 55 Jahren. Ein Totenbrett am Ludwigsthaler Schloss erinnert an den großartigen Musiker, dem jetzt auch Musikgruppen aus dem Zwieseler Winkel in einem Erinnerungskonzert gewürdigt haben.
 
Zehn Musikgruppen gestalteten das Rahmenprogramm:  
Stoiber Musi mit Saller Josef
Schmid Anderl
Ossiander-Sängerinnen und zugleich Gitarrenmusi Oberbayern
Stoiber Bernhard (Bandoneon Spieler)
Duo Eimer-Dondl (Harfe und Gesang/ Oberbayern)
Geschwister Artner und Duo Stoiber (Finkenpreisträger 2015)
Familienmusik Weiderer aus Regen
Hirschengred Musi
Wallberg  Musi (Oberbayern)
 
Der zweite Zwieseler Bürgermeister Eberhard Kreuzer würdigte die kulturellen Verdienste von Xaver Stoiber.
Die Moderation hatte Hermann Wellisch übernommen. 
  
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